Franziskus und der IslamFranz und Sultan


Einer der wichtigsten und brisantesten Konfliktherde unserer Zeit ist die jahrhundertealte und heute wieder aufgeflammte Auseinandersetzung zwischen der islamischen Welt und der westlichen Kultur, die aus den Wurzeln des Christentums und der antiken Philosophie entstanden ist. Es stehen sich hier zwei Weltbilder gegenüber, die sich in wesentlichen Grundauffassungen stark voneinander unterschei- den. Die unterschiedliche Bewertung des Verhältnisses von Individuum und Familie und von Staat und Religion sind da nur zwei Bereiche, die in der Öffentlichkeit besonders stark wahrgenommen werden.

Durch die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgte Einwanderung von Menschen aus islamischen Ländern ist die geschichtlich völlig neue Situation entstanden, dass es in den Ländern Europas starke islamische Minderheiten gibt. Die Frage nach dem Zusammenleben von Christen und Muslimen, aber auch von Gläubigen und Nichtgläubigen, stellt sich dadurch in vorher nicht gekannter Schärfe. Diese Situation macht verständlicherweise vielen Menschen Angst und führt dazu, dass es auf der einen Seite eine undifferenzierte und dadurch ungerechte Ablehnung des Islam und seiner Anhänger gibt, bzw. dass auf der anderen Seite die vorhandenen Probleme verdrängt und geleugnet werden.

Ich möchte in dieser Situation einmal darauf schauen, wie Franziskus mit diesem Konflikt umging, der ja durch die Kreuzzugsbewegung seiner Zeit besonders gewaltsam
ausgetragen wurde. Trotz der Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Situation kann man meiner Ansicht nach aus dem Verhalten des Franziskus auch Handlungsimpulse für uns heute ableiten. Bei meiner Darstellung stütze ich mich auf die Schriften des hl. Franz und die Biographie des Thomas von Celano, der die erste mittelalterliche Biographie über Franziskus geschrieben hat, sowie auf das Buch “Feuerwandler” von Jan Hoeberichts.


1. Die geschichtliche Situation zur Zeit des Franziskus; die Kreuzzugstheologie

2. Die Haltung des Franziskus  
- Reaktion auf die Kreuzzugspredigt
- Die Reise ins heilige Land
- Die Nichtbullierte Regel
- Anregungen durch den Islam

3. Zusammenfassung und Bewertung

4. Die gesellschaftliche Situation in Deutschland

5. Franziskanische Impulse für eine Begegnung mit den Muslimen  
- Ein faires Angebot an die Einwanderer machen  
- Persönliche Begegnung fördern  
- Die eigene Glaubensüberzeugung stärken  
- Einen offenen Dialog führen

6. Schlussgedanken  
- Meine persönlichen Erfahrungen mit Muslimen  
- Licht und Schatten gehören zusammen  
- Die Chancen der weltgeschichtlichen Stunde



1. Die geschichtliche Situation zur Zeit des Franziskus; die Kreuzzugstheologie

Das Leben des Franziskus, seine Bekehrung und die Entstehung seiner Gemeinschaft fanden in einer Zeit statt, in der die Auseinandersetzung Europas mit dem Islam einen Höhepunkt erreichte. Zu seinen Lebzeiten wurden drei Kreuzzüge durchgeführt, von 1189-1192, von 1202-1204 und von 12171221. Dieser letzte, der insgesamt 5. Kreuzzug, ist für das Verständnis der Grundanliegen von Franziskus besonders wichtig, weil er im Zusammenhang mit diesem Kreuzzug selber ins heilige Land fuhr. Das 16. Kapitel der Nichtbullierten Regel, in dem es um das Verhalten der Brüder gegenüber den Sarazenen geht, ist unter dem Eindruck dieser Reise entstanden.

Der 5. Kreuzzug wurde von Papst Innozenz III. sorgfältig und energisch vorbereitet. Er versandte ein Rundschreiben an die gesamte christliche Welt und setzte Prediger ein, die zur Teilnahme am Kreuzzug auffordern sollten. Die Grundgedanken waren folgende: da die Sarazenen unrechtmäßig das Land besetzt halten, das der “Erbteil Christi” ist, müssen sie durch Kampf vertrieben werden. Die Treue gegenüber dem obersten König und Lehnsherrn Christus gebietet diesen Kampf; wer sich dem entzieht, verharrt in “sündiger Undankbarkeit und frevlerischer Untreue”, wofür der König der Könige ihn
verurteilen wird. Gleichzeitig bietet der Kreuzzug eine sichere und einfache Möglichkeit, das ewige Heil zu erwerben, indem man gegen die Sarazenen kämpft. Die Sarazenen selber werden als Mörder und wilde Bestien dargestellt, als Anhänger des Teufels, die es zu vernichten gilt.

Der Gedanke der Missionierung, der Verkündigung des Evangeliums durch das Wort, findet sich bei Innozenz III. gar nicht, wohl aber bei einigen Theologen und Bischöfen, z.B. Jakob von Vitry und Petrus Venerabilis. Für sie geht es bei der Verkündigung darum, möglichst deutlich die Irrtümer und Lügen des Islam zu entlarven, um so die Muslime von der Lehre des Teufels zur Wahrheit der Lehre Jesu Christi zu führen.

Vereinzelt gibt es Anfragen, ob denn die Tötung der Sarazenen vor dem Hintergrund der Lehre Jesu zu verantworten sei. Interessanterweise kommen diese Anfragen von Menschen, die im hl. Land  an den Kreuzzügen beteiligt sind, und also in direktem Kontakt zu den Sarazenen stehen. Diese Anfragen werden scharf kritisiert, und ihre Verfasser der Undankbarkeit bezichtigt. Bezüglich des Gewaltlosigkeitsgebotes vertritt die Kirche die Ansicht, dass hiermit nicht das praktische Handeln gemeint sei, sondern eine innere Haltung des Herzens. D.h., die Tötung von möglichst vielen Sarazenen ist Ausdruck der Dankbarkeit Christus gegenüber; man soll dabei aber ein Haltung der Liebe und des Wohlwollens im Herzen haben (so z.B. der Inhalt einer Predigt, die Jacob von Vitry vor Angehörigen eines Ritterordens hielt).

Ohne es ausführlich darlegen zu können, muss natürlich erwähnt werden, dass das Bild, dass im mittlelalterlichen Europa von den Sarazenen vorherrschte, stark verzerrt war. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts stand der Islam noch in seiner Blütezeit und war den Europäern kulturell in vieler Hinsicht überlegen. Nicht umsonst waren es die im heiligen Land anwesenden Christen mit ihren direkten Erfahrungen mit den Muslimen, die kritische Fragen an den Sinn der Kreuzzüge und die Verteufelung des Islam stellten. Aus den islamischen Quellen dieser Zeit spricht denn auch ehrliches Erstaunen über die Roheit und Kraft der Kreuzritter, sowie Entsetzen über deren brutale Art der Kriegführung. Als der gebildete und weltoffene Kaiser Friedrich II. 1229 eine Übergabe Jerusalems an die Christen durch einen Verhandlungsfrieden erreichte, werteten Papst Gregor IX. und viele Kreuzzugsteilnehmer das als Verrat, da das Versprechen ewigen Heils für die Kreuzritter ja den bewaffneten Kampf voraussetzte.

Um diese für uns heute unverständliche Auslegung des Evangeliums gerecht beurteilen zu können, muss man sich die Einbettung in den geschichtlichen Zusammenhang vor Augen führen. Schon im römischen Reich war es üblich gewesen, Religion zur Stabilisierung des Staates zu benutzen und dabei auch Gewalt anzuwenden. Gerade die Verfolgung der ersten Christengemeinden macht das ja sehr deutlich. Auch der Islam breitete sich mit militärischen Mitteln aus, und schon Mohammed hatte mit der kriegerischen Verbreitung seiner Religion begonnen. Zwar trafen die islamischen Heere in Nordafrika und Spanien nicht auf intakte christliche Staaten, sondern eroberten Gebiete, die von der Völkerwanderung zerrüttet und destabilisiert waren. Trotzdem blieb aber für das christliche Europa das Gefühl zurück, von der Ausbreitung des Islam bedroht zu sein. Insofern empfand man die Anwendung von Gewalt als etwas natürliches und sah sie als eine Form notwendiger Selbstverteidigung an.

Diese Haltung wurde dadurch noch bestärkt, dass die Bekehrung der germanischen Stämme erst verhältnismäßig kurze Zeit zurücklag. Germanische Werte wie kriegerisches Heldentum und absolute Treue bis in den Tod gegenüber dem Anführer spielten weiterhin eine große Rolle in der Vorstellungswelt der Menschen und wurden auf Christus, den obersten König übertragen. Der heilige Bernhard von Clairvaux z.B. spielte eine wesentliche Rolle bei dem Versuch, mittelalterliche Ritterethik in das Christentum zu inkulturieren. Die Schattenseite dieses eigentlich ja notwendigen und guten Prozesses war dann allerdings seine glühende Befürwortung der Kreuzzüge



2. Die Haltung des Franziskus

Seine Reaktion auf die Kreuzzugspredigt

Wenn man die umfassende und ausgefeilte Kreuzzugsideologie und ihre ständige Präsenz in der Öffentlichkeit bedenkt (es musste z.B. in jeder Messe für das Gelingen des Kreuzzuges gebetet werden), dann ist es erstaunlich, wie wenig Widerhall sich davon bei Franziskus findet. Er äußert sich an keiner Stelle direkt zu den Kreuzzügen; es gibt kein abwertendes oder auch nur bewertendes Wort über die Muslime, obwohl doch seine Reise ins heilige Land und die dortigen Begegnungen mit Kreuzrittern und Muslimen eine wesentliche Lebenserfahrung für ihn waren. Während er die auf dem 4. Laterankonzil 1215 formulierte Lehre über die Eucharistie freudig aufgriff und mehrfach in seinen Schriften betont, reagierte er auf den vom selben Konzil beschlossenen Aufruf zum Kreuzzug überhaupt nicht, obwohl eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Kreuzzug ausdrücklich als sündhafte Undankbarkeit gegenüber Christus bezeichnet wird. Das verwundert um so mehr, als der Kreuzzugsaufruf Begriffe verwendet, die auch für Franziskus von großer Wichtigkeit sind.

So spricht Papst Innozenz davon, dass man “das Kreuz auf sich nehmen und Jesus Christus nachfolgen” soll; er spricht davon, dass das “Erbteil Christi” von den Ungläubigen befreit werden müsse. Auch bei Franziskus tauchen beide Redewendungen an zentralen Stellen auf, allerdings in völlig anderer Bedeutung. Wenn er vom “Erbteil Christi” spricht, dann meint er das den Armen zustehende Almosen, den notwendigen Lebensunterhalt. Da Christus selber arm war, ist es die Pflicht der Besitzenden, mit den Armen zu teilen, und so Christus seinen Erbteil zurückzuerstatten. In der Nichtbullierten Regel heißt es: “Das Almosen ist das Erbe und der gerechte Anteil, der den Armen zusteht, den unser Herr Jesus Christus uns erworben hat.”

Wenn Franziskus davon spricht, dass wir “das Kreuz auf uns nehmen” sollen, dann ist es das genaue Gegenteil der Aufforderung zur Gewaltanwendung. Wir sollen Jesus gerade in seiner Demut und Erniedrigung nachfolgen, und im Dienst an den Schwächsten und in der Ausübung von Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit auch die äußersten Konsequenzen ertragen. Gerade für die Verkündung des Friedens nimmt Franziskus eine unmittelbare göttliche Inspiration für sich in Anspruch, was er derart ausdrücklich nur sehr selten tut. “Der Herr hat mir geoffenbart, dass wir als Gruß sagen sollen: der Herr gebe Dir den Frieden”, schreibt er in seinem Testament.

Während der Kreuzzugsaufruf das Heil in Aussicht stellt für den Dienst für Christus mit der Waffe und durch das Töten, besteht für Franziskus das Heil im Dienst für Christus, wie er uns in den Armen und Ausgegrenzten begegnet. Ein größerer Unterschied in der Bedeutung gleichlautender Begriffe als in den vorgenannten Beispielen ist in der Tat kaum denkbar.


Die Reise ins heilige Land

Für Franziskus war es selbstverständlich, dass er diese Grundhaltung auch in seinem Leben umsetzte. In Begleitung eines Mitbruders fuhr er 1219 auf einem Kreuzfahrerschiff nach Palästina und blieb fast ein Jahr dort. Thomas von Celano berichtet von zwei wichtigen Begebenheiten, die ein deutliches Licht auf die Haltung von Franziskus werfen.

Zum einen ist da der berühmte Besuch beim Sultan (das Bild oben zeigt diese Szene in der Darstellung von Giotto). Obwohl ihn die Kreuzfahrer für verrückt erklären und seinen sofortigen Tod prophezeien, geht Franziskus während der Kämpfe waffenlos und alleine zu den Sarazenen. Entgegen aller Voraussagen geschieht ihm nichts. Er lässt sich zum Sultan bringen und führt mit ihm ein Gespräch. Der Sultan erweist sich als gebildeter und kultivierter Mann, der Franziskus ein Friedensangebot an die Kreuzfahrer mitgibt. Es ist Sultan AlKamil, derselbe, der Jahre später die friedliche Übergabe Jerusalems an Friedrich II. aushandelte. Über den genauen Inhalt des Gesprächs wissen wir leider nichts. Von Franziskus selber gibt es keine Äußerung, und die verschiedenen Schilderungen eines provozierenden und aggressiv missionarischen Auftretens in den mittelalterlichen Biographien passen weder zur Persönlichkeit des hl. Franz noch zur offensichtlich friedlichen und gastfreundlichen Grundstimmung des Besuchs, von dem auch eine arabische Quelle berichtet. Da es tatsächlich keine christlichen Zeugen für das Gespräch gab, kann man mit großer Berechtigung annehmen, dass sich hier der starke Einfluss der Kreuzzugstheologie auf die biographischen Schilderungen ausgewirkt hat.

In einem anderen Abschnitt wird geschildert, wie Franziskus die Kreuzfahrer in einer großen Rede vom Kampf abzuhalten versucht und ihnen eine Niederlage voraussagt. Vor der Rede ahnt er schon die ablehnende Haltung durch die Ritter und berät sich mit seinen Brüdern. “Sage ich es, hält man mich für närrisch, schweige ich, so werde ich meinem Gewissen nicht entrinnen. Was meint Ihr?” Die Brüder raten dazu,  dem Gewissen und nicht der politischen Klugheit zu folgen. Franziskus hält die Rede und wird daraufhin schallend ausgelacht (2 Celano 30). Tatsächlich erlitt das Kreuzfahrerheer daraufhin eine vernichtende Niederlage und musste sich zurückziehen. Die Chance, die Franziskus durch seine Strategie der Gewaltlosigkeit eröffnet hatte, wurde nicht genutzt. Auch bei dieser Geschichte hat der Biograph Thomas von Celano die eigentliche Intention des Heiligen nicht erfasst: auf die Dimension der Gewaltlosigkeit gegenüber den Sarazenen, die doch so deutlich zu sehen ist, geht er gar nicht weiter ein. Ihm geht es ausschließlich um die Gabe der Prophezeiung, die sich aus dieser Geschichte ergibt, und auf deren Missachtung durch die Kreuzritter er die Niederlage zurückführt.

 
Die Nichtbullierte Regel

In der Nichtbullierten Regel, der ersten Regel der Gemeinschaft, in der sich der Geist des franziskanischen Aufbruchs der Anfangszeit noch in glühender Ursprünglichkeit wiederfindet, gibt es ein Kapitel, das sich mit der Missionstätigkeit unter den Muslimen befasst. Dieses Kapitel 16 reflektiert auf eindrucksvolle Weise die Erfahrungen, die Franziskus bei seinem Besuch im heiligen Land gemacht hat.

Da die einzelnen Kapitel der Nichtbullierten Regel zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sind, sind sich die Fachleute uneins darüber, ob das Kapitel 16 vor oder nach der Palästinareise des hl. Franz verfasst wurde. Im einen Fall wäre es eine zunächst einmal theoretische Umsetzung der franziskanischen Grundgedanken auf die Aufgabenstellung der Heidenmission; im anderen eine unmittelbare Reaktion auf die Erfahrungen, die Franz selber mit den Sarazenen gemacht hat. Das ausgesprochen konkrete und lebenspraktische Verhalten des hl. Franz (man denke nur an seine unmittelbare Umsetzung des Wortes “Baue meine Kirche wieder auf”) sowie die lückenlose Anwendbarkeit dieses Textes auf die damalige Situation und seine persönlichen Erfahrungen im heiligen Land lassen mir allerdings die zweite Möglichkeit als die wahrscheinlichere erscheinen. Unabhängig vom Zeitpunkt seiner Verfassung präsentiert diese Regel aber eine deutliche Alternative zu der Art, wie die offizielle Kirche dieser Zeit den Muslimen gegenübertrat. Tatsächlich verbirgt sich in den wenigen Worten dieses Textes eine Missionstheologie, die erst in den vergangenen Jahrzehnten in der Kirche zum Durchbruch gekommen ist.

In einer kurzen Einleitung werden die Provinzialminister dazu verpflichtet, jedem Bruder, der zu den Sarazenen gehen will und die Eignung dazu besitzt, die Erlaubnis dazu zu geben. Danach heißt es: “Die Brüder aber, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder Zank noch Streit beginnen, sondern “um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur” (1 Petr 2, 13) untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden: sie sollen glauben an den allmächtigen Gott, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den Sohn, den Erlöser und Retter, und sie sollen sich taufen lassen und Christen werden”.

Diese Anweisung hat, wenn man sie ernst nimmt, tatsächlich umstürzende Konsequenzen. In einer Zeit, in der die offizielle Kirche versuchte, die Muslime mit Feuer und Schwert zu unterwerfen, beginnt für Franz das Leben bei ihnen mit dem Dienen, mit dem Untertan-sein. Er weitet das, was er als seine Aufgabe bei den Armen zunächst Assisis, und dann in immer weiteren Kreisen ganz Europas erkannt hat, auch auf die nichtchristlichen Menschen aus. Es handelt sich hierbei um weit mehr als eine bloße Taktik, mit der die Andersgläubigen günstig gestimmt werden sollen. Diese Art von Berechnung wäre Franziskus völlig fremd. Es handelt sich um die fundamentale Erkenntnis: auch diese hier sind Menschen, auch diese sind von Gott geliebt, auch hier kann ich Jesus Christus dienen, indem ich den Menschen diene. Diese Haltung hat nichts ängstliches an sich; im weiteren Verlauf des Textes werden die Brüder nachdrücklich dazu ermutigt, auch ihr Leben einzusetzen und sich durch keine Gefahr irre machen zu lassen. Sie hat auch nichts relativierendes; auch in der Dienstbarkeit soll die eigene Identität nicht verschwiegen werden, die Brüder sollen “bekennen, dass sie Christen sind”. Die offizielle Sicht der Kirche, nach der die Muslime Mörder und Bestien, im besten Falle verblendete Anhänger eines vom Teufel gesandten Lügenpropheten sind, findet hier eine deutliche Korrektur. Hier Weiß, da Schwarz, das kann es für Franziskus nicht geben. Alle Menschen sind Kinder Gottes, in ihren Stärken und Schwächen, und zu allen kann man die Botschaft des Friedens und des gegenseitigen Dienens bringen.

Nur wenn die Brüder sehen, dass es Gott gefällt, sollen sie ausdrücklich das Christentum verkünden. Das setzt natürlich eine Situation voraus, in der eine offene Gesprächsatmosphäre herrscht, in der es eben nicht zu Zank und Streit kommt. In einer solchen Atmosphäre versucht man nicht, den anderen klein zu machen, ihn als Lügner oder Verblendeten hinzustellen, sondern man versucht, ihm die Schönheit und den Wert der eigenen Erfahrungen nahezubringen, um ihn daran teilhaben zu lassen.

In seiner kurzen Zusammenfassung des Inhalts einer christlichen Verkündigung wählt Franziskus tatsächlich Themen, mit denen am ehesten Anknüpfungspunkte zum Islam bestehen. “Sie sollen glauben an den allmächtigen Gott”. Das tun die Muslime ja ohnehin, die Allmacht ist für sie sogar Gottes wichtigstes Attribut. “Den Schöpfer der Dinge”, auch hier liegt eine gemeinsame Glaubensüberzeugung von Christen und Muslimen vor. Franziskus verschweigt aber auch die Unterschiede nicht. Auch der Sohn und der heilige Geist gehören nach christlichem Verständnis zum einen Gott dazu. Aber er verkündet Jesus Christus nicht als denjenigen, der die Muslime unterwerfen will, als den König und Weltenrichter, sondern als den, der er auch für die Muslime sein will: den Erlöser und Retter.

Und erst noch einen Schritt weiter soll es zu dem kommen, was in der christlichen Mission lange als erstes und wichtigstes Ziel angesehen wurde, nämlich der Taufe. Also: zuerst das Dienen, dann das Glaubensgespräch, dann erst die Taufe. Intuitiv und ohne theologische Durchdringung handelt Franziskus damit gegen eine der wesentlichen dogmatischen Grundlagen der Kirche seiner Zeit. Denn diese Kirche ging davon aus, dass jeder Nichtgetaufte auf jeden Fall in die Hölle kommt, “extra ecclesiam nulla salus”. Wenn Franziskus diese Einstellung geteilt hätte, hätte die Taufe unter allen Umständen sein erstes und oberstes Ziel sein müssen. Ansonsten hätte er die Menschen ja ohne zu helfen auf die ewige Verdammnis zulaufen lassen. Seine persönlichen Erfahrungen mit den Muslimen haben in ihm aber offenbar die Erkenntnis bewirkt, dass Gottes Gnade größer ist als unser menschliches Denken, dass Jesus Christus alle an sich ziehen will, und dass der heilige Geist weht wo er will.


Anregungen durch den Islam

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass sich für Franziskus das Glaubensgespräch mit dem Islam nicht auf die Verkündigung der eigenen, christlichen Glaubenswahrheiten beschränkte, sondern dass er durch seine Begegnung mit dem Islam wichtige Anregungen erhielt. Schon seine Relativierung der Bedeutung der Taufe im 16. Kapitel der Nichtbullierten Regel zeigt deutlich, dass er Gottes Geist auch ein Wirken unter den Muslimen zutraute. Darüber hinaus zeugen zwei Anliegen, die er nach seinem Besuch in Palästina in mehreren Schriften äußerte, von seiner Bereitschaft, aus dieser Begegnung mit der anderen Religion sogar zu lernen.

Zum einen handelt es sich hierbei um seinen mehrfach geäußerten Wunsch, die Priester und die weltlichen Verantwortlichen sollten zu festgesetzten Zeiten ein Zeichen geben, um alle Menschen zum gemeinsamen Gebet zu rufen. Dieses Anliegen bringt er sowohl in seinem Brief an die Lenker der Völker als auch in seinen Briefen an die Kustoden (die Ordensoberen) vor. Im Brief an die Lenker der Völker heißt es: “Und bereitet doch dem Herrn unter dem euch anvertrauten Volk so große Ehre, dass an jedem Abend durch einen Herold oder durch irgend ein Zeichen angesagt werde, das ganze Volk bringe Gott, dem allmächtigen Herrn, Lobpreis und Dank dar.” Ganz deutlich bezieht sich dieser Vorschlag auf den Ruf des Muezzins, den Franziskus im Orient kennengelernt hatte. Dieser Bezug wird noch eindeutiger belegt durch die Tatsache, dass der Brief kurz nach seiner Rückkehr aus dem heiligen Land verfasst wurde. Noch einen Schritt weiter geht Franziskus in seinem Brief an die Kustoden. Hier spricht er davon, dass zu diesen allgemeinen Gebetszeiten “dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht” werden soll. Da dieser Brief ebenfalls 1220 verfasst wurde, war sich Franziskus nachdrücklich darüber im Klaren, dass das “gesamte Volk auf der ganzen Erde” eben nicht nur aus Christen, sondern auch aus Anhängern des Islam bestand. Was er also vorschlug, war nicht mehr und nicht weniger als ein gemeinsames Gebet von Christen und Muslimen. Im Mittags- und Angelusläuten, das die katholischen Landschaften über Jahrhunderte geprägt hat, ist sein Wunsch zum Teil Wirklichkeit geworden, wenn auch ohne das Bewusstsein, dass es nach dem Willen des Franziskus gemeinsame Gebetszeiten über die Grenzen der Religionen hinweg sein sollten.

Ein zweites Anliegen bezieht sich auf die Verehrung, die nach dem Wunsch des Franziskus dem aufgeschriebenen Wort Gottes und den aufgeschriebenen Namen Gottes zuteil werden solle, und der sich auch auf Schriften erstreckt, die nicht ausdrücklich christlich sind. Dieser Wunsch findet sich in seinem Brief an die Kustoden und außerdem in dem Brief an die Kleriker. Der Biograph Thomas von Celano berichtet, dass Franziskus damit Verwunderung bei den Brüdern auslöste: “Als ihn eines Tages ein Bruder fragte, warum er auch die Schriften der Heiden und solche, in denen der Name des Herrn nicht stand, so eifrig sammle, antwortete er: ‘Mein Sohn, weil in ihnen die Buchstaben vorkommen, aus denen man den glorwürdigsten Namen des Herrn, unseres Gottes, zusammensetzen kann. Auch eignet das Gute, dass sich dort findet, nicht den Heiden noch irgendwelchen Menschen, sondern Gott allein, dem jegliches Gute zu eigen gehört.’” (1Celano 82)

Hier sind zwei Dinge bemerkenswert: Erstens die Hochachtung vor dem geschriebenen Wort Gottes und vor dem Namen Gottes. Beides spielt im Islam eine große Rolle. Durch das Bilderverbot wird der Niederschrift des Koran eine beinahe kultische Verehrung zuteil. Die Moscheen sind mit kunstvoll geschriebenen Koranversen geschmückt. Auch der Name Gottes ist für die Muslime sehr wichtig. Ein Teil des Gebetes besteht aus der Anrufung der verschiedenen Namen, die Gott von sich geoffenbart hat. (Tatsächlich ergibt sich hierüber noch eine weitere Verknüpfung zu Franziskus, nämlich zum “Lobpreis Gottes” aus dem Schriftstück für Bruder Leo, der ja ebenfalls aus einer Aneinanderreihung von göttlichen Attributen besteht.) Zweitens die Aussage über das Gute, dass sich in den Schriften der Heiden finden kann, und das Franziskus ausdrücklich auf das Wirken Gottes zurückführt. Franziskus distanziert sich damit klar von dem Verständnis seiner Zeitgenossen, die im Islam die Verkörperung des Bösen sahen. Franziskus hingegen nimmt das vorweg, was die gesamte Kirche über 700 Jahre später im 2. Vatikanischen Konzil nachvollzog, als sie über die nichtchristlichen Religionen sagte: “Die Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.”

Franziskus hat sich niemals offen über seine Erfahrungen im heiligen Land geäußert. Dabei muss man zwei Dinge bedenken. Einerseits ist er mit unfassbaren Erlebnissen konfrontiert worden: die Einnahme von Damiette mit ihren monströsen Grausamkeiten (die Tötung von über 40000 Menschen, Frauen, Kinder und Greise eingeschlossen, wurde von den Kreuzrittern als Eingreifen Gottes für die Christen gedeutet); der Besuch beim Sultan und der direkte Kontakt mit einer Kultur, die mindestens ebenso entwickelt war wie die europäische; die Begegnung mit einer ganz anderen, aber offensichtlich ehrlichen und wertvollen Form von Religiosität und Gottesverehrung; die Niederlage der Kreuzritter; die überstürzte, durch Streitigkeiten im Orden verursachte Abreise; das alles kann ein Mensch, noch dazu ein so sensibler Mensch wie Franziskus, nicht vergessen oder verdrängen. Diese Erfahrung muss das weitere Leben mit prägen. Andererseits fand er in Europa ein geistiges Klima vor, das eine Äußerung seiner eben auch positiven Erfahrungen mit dem Islam völlig unmöglich machte. Ein offener Widerspruch zum gesellschaftlichen Konsens in dieser Frage hätte seine ohnehin misstrauisch beobachtete Brüdergemeinschaft dem Vorwurf der Ketzerei ausgesetzt. Franziskus wählte den Weg, der für ihn typisch ist: er verzichtete auf Kritik und versuchte das, was er im Islam als positiv erlebt hat, auch für das christliche Europa fruchtbar werden zu lassen.



3. Zusammenfassung und Bewertung

Insgesamt kann man sagen, dass Franziskus mit seiner Haltung gegenüber dem Islam ein deutliches Gegenbild zu der in Europa allgemein verbreiteten Meinung verkörperte. Die polemische Rhetorik gegenüber den Sarazenen, die die Kreuzzüge theologisch begründen sollte, wurde von ihm nicht aufgegriffen und nicht unterstützt. Sein Verhalten im heiligen Land war geprägt von Offenheit und Interesse gegenüber der fremden Kultur und Religion. Von seiner Haltung der praktischen Gewaltlosigkeit ließ er sich auch durch große Widerstände nicht abbringen. Das 16. Kapitel der Nichtbullierten Regel spiegelt dieses Verhalten in lückenloser Konsequenz: zunächst einmal sollen die Brüder in den Sarazenen die Menschen sehen, denen es zu dienen gilt (“um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sein”). Dann erst kommt das von Respekt getragene Glaubensgespräch “ohne Zank und Streit”, und schließlich die Taufe. Diese Offenheit gegenüber dem Islam und die Erkenntnis, dass auch diese Menschen Gott “Lobpreis und Dank darbringen” und von ihm geliebt werden, ermöglichte es Franziskus schließlich, vom Islam Impulse für eine Vertiefung auch seines eigenen Glaubenslebens zu empfangen.

Diese Haltung steht ganz in der Linie seines bisherigen Lebens. Auch in Assisi hatte er auf Kritik verzichtet, für die es ja Anlässe genug gegeben hätte: die wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten; die Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber den Armen und Aussätzigen; die vielen Kleinkriege und Brutalitäten der örtlichen Machthaber. Statt dessen zog er für sich persönlich die Konsequenzen und verließ das ungerechte System, um Seite an Seite mit den Schwächsten zu leben.

Genauso verhielt er sich gegenüber der kirchlichen Obrigkeit, die ja auch in vieler Hinsicht kritikwürdig war, und von vielen Armutsbewegungen heftig kritisiert wurde. Franziskus hingegen sagte nichts, sondern lebte schlicht und einfach sein Modell eines glaubwürdigen Christentums und verkündete dadurch das Evangelium. Dabei achtete er strikt darauf, dass es keinerlei Privilegien für ihn und die Brüder gab, sondern dass alle pastoralen Tätigkeiten mit der örtlichen Geistlichkeit abgestimmt waren.

Sein Verhalten im heiligen Land ist eine genaue Fortführung dieser Linie: keine Kritik, weder an den Sarazenen noch an den Kreuzrittern, aber ein unbedingtes Bekenntnis zum Dienst an den Menschen, zur Friedfertigkeit und zu Jesus Christus, dem Retter und Erlöser.

Wenn man den kurzen Predigtentwurf für die Sarazenen in der Nichtbullierten Regel mit seinen Predigten an die Christen in Europa vergleicht, erkennt man allerdings einen wichtigen Unterschied. Im christlichen Kontext ist das Leitmotiv für Franziskus die Umkehr, das Buße-tun. Er möchte die Menschen dazu ermutigen, sich von ihren schlechten Verhaltensweisen abzuwenden, ihr Leben zu ändern, es zu verbessern, und Gott dabei neu zu erfahren. Dabei benutzt er eine kräftige und unmissverständliche Sprache. Ein gutes Beispiel für diese Art der Ansprache ist z.B. der ”Brief an die Gläubigen”, in dem er auch auf den unwiderruflichen Schaden hinweist, den die menschliche Seele durch selbstsüchtiges und habgieriges Verhalten nimmt.

Wenn man dieses Vorgehen direkt auf die Predigt zu den Muslimen übertragen würde, bedeutete dies eine deutliche und kraftvolle Aufforderung zur Abkehr vom Islam, zur Bekehrung zu Jesus Christus. Genau dies tut Franziskus aber nicht. Er behandelt den Islam nicht als eine Form der Sünde, von der es sich abzuwenden gilt, sondern als eine andere Form der Gottesverehrung, die er zunächst einmal einfach respektiert. In dieser Grundhaltung des Respekts kann er dann die Wahrheit zur Sprache bringen, die er für sich persönlich als erlösend und befreiend erlebt hat. Und das ist, über die Glaubensgemeinsamkeiten mit dem Islam hinaus, vor allem der Glaube an Jesus Christus, “den Erlöser und Retter”.

In dieser Haltung des Franziskus begegnet uns ein überwältigendes prophetisches Charisma. Während sein Armutsideal in seiner direkten Herleitung aus dem Evangelium und in seiner positiven Wirkung für Gesellschaft und Kirche zwar nicht von allen geliebt und unterstützt, aber insgesamt doch verstanden und akzeptiert wurde, begegnete seine Haltung gegenüber dem Islam völliger Verständnislosigkeit und fand keine Resonanz. Erst im 20. Jahrhundert wurde nach und nach erkannt, was für ein Potential hierin für ein vertieftes Verständnis von Mission und für einen Dialog der Religionen liegen.

Für die franziskanische Familie heute liegt hier ein Erbe und die bleibende Verpflichtung vor, in dieser Frage den Fußspuren ihres Ordensgründers zu folgen. Ich will deshalb versuchen, einen Horizont aufzuzeigen, in dem sich franziskanisches Handeln für eine Verständigung der Religionen heute bewegen kann. Dabei habe ich vor allem die konkrete Situation in Deutschland vor Augen.



4. Die gesellschaftliche Situation in Deutschland

Vor dem Versuch, aus dem Verhalten des Franziskus für uns selber zu lernen, muss man sich über die Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Situation im Klaren sein. Das 16. Kapitel der Nichtbullierten Regel geht davon aus, dass die Brüder in kleinen Gruppen in islamischen Ländern wohnen und hier ihr Apostolat des Dienens und des Friedens verwirklichen. Auch die persönliche Erfahrung des Franziskus war eine Erfahrung des “Hingehens”: durch die Fahrt nach Palästina und den Besuch beim Sultan begibt sich Franziskus in die islamische Gesellschaft hinein.

Im heutigen Deutschland hingegen stehen wir vor der Aufgaben, eine islamische Minderheit in unsere Gesellschaft aufzunehmen, deren Angehörige in den vergangenen Jahrzehnten eingewandert sind, die hier sesshaft wurden und Kinder und oft schon Enkel haben. Die Situation ist komplex und in vieler Hinsicht schwierig. Sowohl die nach Deutschland Gezogenen als auch die deutsche Gesellschaft haben erst im Laufe der Zeit erkannt, dass es sich überhaupt um eine echte Einwanderung handelt. Diese Einwanderung findet statt in einer Zeit, in der, anders als zur Zeit des Franziskus, die islamischen Länder den westlichen in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht unterlegen sind und sich in vieler Hinsicht benachteiligt und unterdrückt fühlen. Gleichzeitig sehen sie die Schwierigkeiten des Christentums in der freien Gesellschaft und kommen dadurch oft zu dem problematischen Schluss, dass der Islam dem Christentum überlegen ist, wenn er sich dem Dialog mit der Moderne verweigert. Das Gefühl der gesellschaftlichen Benachteiligung einerseits und der Überlegenheit des Islam andererseits führt zu der nicht ungefährlichen Lage, dass sich eine radikale Minderheit der Muslime in einer Situation der Selbstverteidigung sieht, in der der Koran Gewaltanwendung gestattet.

Weite Teile der deutschen Gesellschaft hingegen sind geprägt von einem Gesellschaftsbild, in dem Staat, Volk und Kultur eine Einheit bilden. Diese Sicht, die der Nationalidee der Romantik entspringt, führt dazu, dass viele Menschen von vornherein eine ablehnende Haltung gegenüber Einwanderern haben. Häufig identifizieren sich auch Menschen, die schon längst keine innere Beziehung zum christlichen Glauben mehr haben, mit kulturell geprägten Erscheinungsformen des europäischen Christentums wie z.B. dem Glockenläuten oder Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, und beziehen über diese oberflächliche Identifikation Stellung gegen die islamische Kultur und Religion. Dabei wird übersehen, dass es eine Einheitskultur in Deutschland nie gegeben hat und dass die deutsche Geschichte geprägt ist von konfessionellen und regionalen Gegensätzen. Diese Gegensätze konnten ja erst zu dem Zeitpunkt fruchtbar und gewaltfrei bewältigt werden, als in Deutschland nach 1945 ein weltanschaulich neutraler Staat auf der Basis der parlamentarischen Demokratie entstand, der Protestanten und Katholiken, Arbeitern und Bürgern, Liberalen und Konservativen, Bayern und Berlinern Möglichkeiten der Teilhabe bot.

Die Lösung der Probleme wird dadurch erschwert, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft Unsicherheiten und wirtschaftliche Probleme mit sich bringt, dass Deutschland den schwierigen Prozess der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland bewältigen muss, und dass die deutsche Gesellschaft viel zu lange über ihre Verhältnisse gelebt hat. Viele Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen haben Angst um ihre Zukunft. Das führt oft dazu, dass man im anderen zunächst einmal den Gegner und Konkurrenten in einem Verdrängungsprozess sieht, obwohl er ja genauso gut auch ein Partner mit neuen Ideen für die Zukunftsgestaltung unseres Landes sein kann.

Ein franziskanisches Engagement sollte aus meiner Sicht auf vier unterschiedlichen Ebenen stattfinden.
- Erstens geht es um den politischen Einsatz dafür, den Einwanderern ein faires und gerechtes Angebot zur Teilhabe an der deutschen Gesellschaft zu machen. Dieses Angebot muss von Respekt gegenüber ihren kulturellen und religiösen Werten geprägt sein, aber auch ehrlich und deutlich die Grundregeln benennen, auf die sie sich einlassen müssen, um in Deutschland zu leben. Es hat als Basis die in Europa gewachsene demokratische Gesellschaftsform, und kann auch auf die deutsche Sprache als verbindendes Element zwischen den hier lebenden Menschen, die ja ganz unterschiedlicher Herkunft sind, nicht verzichten.
- Zweitens geht es um die persönliche Hilfe für die Einwanderer bei ihrer Integration. Ziel ist es ja gerade, dass die Einwanderer keine abgeschotteten Parallelgesellschaften bilden. Dazu
müssen sie natürlich die Möglichkeit haben, Kontakte zur deutschen Bevölkerung aufzubauen. Hier kommt die franziskanische Grundhaltung des Dienens und der Offenheit für die am Rande Stehenden zum Tragen.
- Drittens ist es unerlässlich, dass sich die deutsche Gesellschaft ihrer Ziele und Wertvorstellungen neu vergewissert. Hier ist ein deutliches missionarisches Zeugnis der franziskanischen Familie notwendig, um wieder ins Bewusstsein zu rufen, welche zentrale und heilmachende Bedeutung die Werte des Evangeliums für unser Zusammenleben haben.
- Viertens sollte man auf der Basis eines erneuerten christlichen Glaubens einen Dialog mit dem Islam führen, durch den Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser verstanden werden, und in dem beide Partner voneinander lernen können.



5. Franziskanische Impulse für eine Begegnung mit den Muslimen


Ein faires Angebot an die Einwanderer machen

Von der Notwendigkeit zur Integration wird heute oft gesprochen. Damit sind in besonderem Maße die Menschen aus den islamischen Ländern gemeint, da bei ihnen die Unterschiede zu unserem Kultur- und Gesellschaftsverständnis oft schwerer zu überbrücken sind als bei Einwanderern aus Osteuropa, Asien oder sogar Afrika. Was ist aus franziskanischer Sicht zur Lösung dieser Probleme zu sagen?

Die Haltung des Franziskus gegenüber den Sarazenen war geprägt von einem tiefen Respekt sowohl vor den Menschen als auch vor ihrer spezifischen Form der Gottesverehrung. Dabei stellte er zunächst einmal nicht die Frage, wer an der Gewaltsamkeit der christlich-islamischen Auseinandersetzung letztendlich Schuld sei, oder ob sich die Sarazenen in allen Punkten richtig verhalten würden. Sein Ausgangspunkt war es, den Frieden durch eine unmittelbar praktizierte Gewaltlosigkeit zu allen Menschen zu bringen.

Dieser franziskanische Respekt vor den einzelnen Menschen verbietet es deshalb, die in Deutschland lebenden Muslime undifferenziert als Gruppe zu betrachten. Jeder einzelne muss die Chance erhalten, in unsere Gesellschaft aufgenommen zu werden. Fanatisches oder gewalttätiges Verhalten muss individuell verfolgt werden, es darf niemals den Muslimen als Gruppe zur Last gelegt werden. Das würde selbstverständlich auch für den Fall gelten, dass es in Deutschland zu terroristischen Anschlägen käme. Auch dann wären nur die Täter und ihre Unterstützer verantwortlich, und nicht die Gesamtheit der hier lebenden Muslime. Dieser Grundsatz der individuellen Beurteilung gilt auch im internationalen Rahmen: in Deutschland lebende Muslime haben aufgrund unserer Verfassung bestimmte Rechte in Bezug auf die Ausübung ihrer Religion. Diese Rechte dürfen nicht verweigert oder geschmälert werden mit dem Hinweis darauf, dass sich islamische Staaten anders verhalten. Die deutschen Muslime tragen weder die Verantwortung für diese Situation, noch haben sie eine Möglichkeit der Einflussnahme. Außerdem sind wir von der Überlegenheit unserer Rechtsordnung überzeugt, und haben keinen Grund, sie unter umgekehrtem Vorzeichen der Rechtsordnung vieler islamischer Staaten anzugleichen.

Franziskus achtete und liebte nicht nur die einzelnen Menschen, in denen er das Abbild Gottes erblickte, sondern er war auch offen und sensibel gegenüber der fremden Religion. Eine franziskanische Grundhaltung ist es deshalb, im Islam nicht so sehr die Kritikpunkte zu suchen, sondern das, was gut und heilig ist. Nur so kann eine positive Gesprächsatmosphäre entstehen, in der die Dialogpartner sich geschätzt und akzeptiert wissen, und sich dadurch für die Anliegen der Gegenseite öffnen. Das ist eine franziskanische Grundüberzeugung, wie die Erzählung vom Wolf von Gubbio eindrucksvoll zeigt. Diese Bereitschaft, die positiven Dinge im Gegenüber wahrzunehmen, eröffnet auch den Weg, sie für das eigene Zusammenleben nutzbar zu machen.

Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland bietet dafür eine hervorragende Grundlage. Ihre Grundsätze haben sich in Jahrhunderten herausgebildet und spiegeln eine lange und spannungsreiche Geschichte wider, in der nicht zuletzt das Verhältnis von Staat und Religion eine große Rolle spielt. Die Verpflichtung des Staates zu weltanschaulicher Neutralität mag uns Christen schmerzen, wenn wir erleben, dass neue Religionen in Europa Fuß fassen (neben dem Islam ja auch der Buddhismus und die vielen esoterischen Strömungen). Das Christentum steht dabei zum ersten Mal seit dem Beginn des Frankenreiches im 8. Jahrhundert wieder in einer Konkurrenzsituation. Es muss uns aber klar sein, dass diese Lösung vollkommen der Lehre Jesu entspricht, der gesagt hat: “Ja, ich bin ein König, aber mein Königreich ist nicht von dieser Welt”, und der die Kirche als “Salz der Erde” und als “Sauerteig” bezeichnet hat. Die weltanschauliche Neutralität des Staates hat ja nicht nur etwas mit der Integration des Islam zu tun, sondern ist auch für das Zusammenleben der anderen Religionen und Konfessionen sowie von Gläubigen und Nichtgläubigen unerlässlich. Wir katholischen Christen im Rheinland sollten nicht vergessen, dass im traditionell protestantischen Preußen der “Bund von Thron und Altar” Katholiken weit über hundert Jahre lang von der gesellschaftlichen Mitwirkung ausschloss.

Gerade im Hinblick auf diese Neutralität des Staates gibt es allerdings auch einen der großen Unterschiede zwischen der westlichen und der islamischen Kultur. Im Islam ist, entgegengesetzt zu unserem Gesellschaftsmodell, die Einheit von Staat und Religion durch den Koran vorgeschrieben. Es ist ein Gebot der Fairness, freundlich aber unmissverständlich auf die hier geltenden Werte hinzuweisen, um den Muslimen eine realistische und tragfähige Einschätzung ihrer Lebensperspektive zu ermöglichen. Der Islam ist (unabhängig von dem Wahrheitsanspruch, den er - wie auch das Christentum - erhebt) aus staatlicher Sicht eine Weltanschauung unter anderen und seine Anhänger müssen diese Situation akzeptieren. Der europäische Islam steht tatsächlich vor der schwierigen Aufgabe, eine Theologie der Diaspora zu entwickeln, die eine grundsätzliche Neuinterpretation einiger Grundsätze des Koran beinhaltet. Durch unsere Dialogbereitschaft und Gastfreundschaft können wir mit dazu beitragen, dass dieser Prozess gelingt.

Ein weiterer Konfliktbereich ist das Verhältnis von Einzelperson und Familie. In unserem Wertesystem hat die Einzelperson Vorrang vor den Interessen des Familienverbandes. Letzten Endes leitet sich dies aus der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen ab, die eine unverlierbare Würde des einzelnen Menschen begründet. Unter den ganz anders gearteten Bedingungen einer Nomadengesellschaft hat der Islam allerdings eine andere Wertordnung entwickelt. Da die Großfamilie das Überleben ihrer Angehörigen überhaupt erst ermöglichte und gewährleistete, mussten die Interessen der Großfamilie Vorrang vor den Interessen des Individuums haben. Auch hier dient es dem gegenseitigen Verständnis, klar zu sagen, dass das Recht der Person in der deutschen Gesellschaft unaufgebbar ist und auch nicht für Teilbereiche außer Kraft gesetzt werden kann.  Islamische Mütter und Väter müssen sich, genauso wie christliche und atheistische, mit der Tatsache abfinden, dass ihre Kinder unter Umständen andere Wege einschlagen, als die Eltern für richtig halten.

Vor dem Hintergrund des oben Gesagten lassen sich einige konkrete Schlussfolgerungen ziehen: Es ist selbstverständlich, dass es einen islamischen Religionsunterricht an den Schulen geben muss, wobei die Unterrichtssprache Deutsch ist und die Ausbildung der Lehrer in Zusammenarbeit mit deutschen Behörden an Universitäten erfolgt. Es ist auch selbstverständlich, dass die Muslime in Deutschland das Recht haben, angemessene Gebetsräume zu errichten. Das bedeutet, dass in Stadtteilen, die von islamischer Einwanderung geprägt sind, auch deutlich sichtbare repräsentative Bauten möglich sein müssen. Dabei muss man allerdings bedenken, dass die Muslime mit einem Bevölkerungsanteil von 5% eine eher kleine Minderheit darstellen. Ein regelmäßiger Gebetsruf durch den Muezzin, der in seiner Intensität der ganzen Landschaft ein akustisches Prägemal gibt, wäre vor diesem Hintergrund nicht angemessen. Der gelegentlich geäußerte Wunsch nach einem oder sogar zwei islamischen Feiertagen ist aus demselben Grund übertrieben. Wenn jede Gruppe mit einem vergleichbaren Bevölkerungsanteil dieses Recht für sich beanspruchen würde, bräuchte man 20 bzw. 40 staatliche religiöse Feiertage!

Grundsätzlich muss der Staat bei gesetzlichen Regelungen alle Religionen gleich behandeln. Das ist in der deutschen Verfassung festgelegt, und entspricht auch dem Charakter der immer noch wichtigsten Religion, des Christentums. Das Christentum ist eine Entscheidungsreligion, es beruht auf einer freien Entscheidung zur Nachfolge Jesu und nicht auf einer durch die Geburt festgelegten Mitgliedschaft aufgrund von sozialem Stand oder Volkszugehörigkeit. Diese Notwendigkeit einer immer wieder neu zu treffenden Entscheidung jedes einzelnen Christen macht es unmöglich, eine Vorrangstellung des Christentums aufgrund seiner langen Tradition in Europa einzufordern. Es ist also z.B. durchaus diskutierbar, ob man Lehrern das Tragen von Erkennungszeichen ihrer Religion verbieten soll. Wenn man es aber verbietet, muss es alle Religionen gleichermaßen betreffen. Es gibt keinen Grund, das islamische Kopftuch zu verbieten, die jüdische Kippa und die christliche Ordenstracht aber zu erlauben.


Persönliche Begegnungen fördern

Faire, klar durchdachte und von Gastfreundschaft und Offenheit geprägte politische Regelungen sind eine notwendige Voraussetzung für ein gelungenes Zusammenleben. Wie wir in den ersten Kapiteln gesehen haben, hat Franziskus durchaus versucht, durch seine Predigten und Briefe Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen. Die franziskanische Ordensfamilie ist auch heute zu einem mutigen und engagierten Einsatz in dieser Hinsicht berufen. Das eigentliche Gelingen der Integration hängt aber viel mehr davon ab, wie sich die konkreten Begegnungen im Alltag gestalten. In dieser Arbeit an der Basis, im schlichten Zusammenleben mit den Menschen, die am Rande stehen, erweist sich erst der Wert und die Glaubwürdigkeit der franziskanischen Lebensweise.

Wir sind also dazu aufgerufen, die Begegnung mit den Muslimen zu suchen. Dazu gibt es viele unspektakuläre Gelegenheiten: am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Schule. Franziskus praktizierte bei seinem Besuch in Palästina eine Haltung des “Hingehens”. Er selbst tat ohne Vorbedingungen und unter erheblichem persönlichen Risiko den ersten Schritt und machte sich auf den Weg zum Sultan. Für uns heute sind die Umstände sicherlich weit weniger dramatisch; aber auch uns stehen oft alte Gewohnheiten, Bequemlichkeit, Sorge um die Meinung der anderen und die Angst vor der Begegnung mit dem Fremden im Weg und hindern uns daran, uns zu unseren islamischen Nachbarn auf den Weg zu machen.

Eine Begegnung kann nur dann gelingen, wenn man  über die Werte und Vorstellungen des Partners informiert ist. Schon die Einhaltung der einfachen Regel, dass Frauen grundsätzlich nur Frauen, und Männer nur Männer ansprechen und grüßen sollten, erleichtert den Einstieg in ein Gespräch ungemein. Je mehr wir über den Islam und seine Kultur wissen, um so mehr können wir auch verstehen, welche Probleme sich für die Muslime in unserer Gesellschaft stellen.

Oft hört man den Einwand, sie seien ja freiwillig gekommen, also seien sie diejenigen, die sich anpassen müssten. Für Menschen, die sich dem franziskanischen Charisma verpflichtet fühlen, ist dieser Einwand nicht relevant. Nach dem Willen unseres Ordensgründers sollen wir die ersten Schritte tun, auf die am Rande stehenden zugehen und uns in ihre Lebenssituation einfühlen. Wir sollen letzten Endes unser Leben mit ihnen teilen, genau wie Franziskus für die Armen selbst ein Armer wurde. Franziskus begründet dieses Verhalten nicht mit einem Appell an die Gesetzesmoral, sondern mit der Dankbarkeit gegenüber der Erlösungstat Jesu Christi, der auch den ersten Schritt auf uns zu tat, der ohne Aussicht auf eine Gegenleistung Mensch wurde und für uns am Kreuz starb.

Aber auch aus der Sicht einer rein menschlichen Gerechtigkeit ist es nicht richtig, das Problem des Zusammenlebens verschiedener Kulturen allein den Einwanderern zu überlassen. Deutschland hat sie vor vierzig Jahren eingeladen, hierher zu kommen, und sie haben in den 60er und 70er Jahren die Infrastruktur unseres Landes mit aufgebaut. Die hier geborenen Kinder und Enkel dieser ersten Einwanderergeneration müssen einen schwierigen Spagat zwischen zwei Kulturen aushalten. In ihre Ursprungsländer können sie nicht mehr ohne weiteres zurückkehren, da sie die Sprache des Landes (also z.B. Türkisch) oft nur fehlerhaft sprechen und überhaupt nicht schreiben können. Es entspricht daher einfach den Geboten menschlichen Anstands, ihnen das wirkliche Ankommen in unserer Gesellschaft zu erleichtern.

Die weitverbreitete Ängstlichkeit gegenüber Menschen islamischen Glaubens hat natürlich auch damit zu tun, dass es weltweit fanatisierte Gruppen gibt, die vor Gewaltanwendung nicht zurückschrecken. Auch gibt es die unter Muslimen anzutreffende Ansicht, dass die westliche Kultur dekadent sei und im Laufe der Zeit vom Islam überwältigt werden wird. Aber gerade eine solche ablehnende Bewertung unseres Gesellschaftssystems zeigt, wie wichtig die persönlichen Kontakte sind. Wer die deutsche Gesellschaft nur über die Parade der halbnackten Frauen auf den Titelseiten der Illustrierten oder über die Blödsinnsexzesse des Privatfernsehens wahrnimmt, erhält natürlich ein schiefes Bild. Wieviel Liebe, Engagement und Verantwortungsbewusstsein auch in deutschen Familien, in Vereinen und Nachbarschaften zu finden ist, erlebt ein islamischer Einwanderer ja nur dann, wenn er auch persönliche Kontakte mit deutschstämmigen Menschen hat.

Franziskus selber hat sich von dem Gefühl der Bedrohung nie irremachen lassen in seiner Haltung, in jedem Menschen das Gute zu suchen. Wir können heute im Rückblick über ihn sagen, dass sich diese Haltung für ihn bewährt hat, und dass sie sein Leben reich und fruchtbar gemacht hat. Anstatt in einem Gefühl der Ängstlichkeit zu verharren, sollten wir die Chancen ergreifen, die sich aus dem Einfließen neuer Ideen in unsere Gesellschaft ergeben. Wir sollten dankbar sein für die Möglichkeit der Begegnung mit der anderen Kultur und Religion, für die man keine Weltreise mehr machen, sondern nur in den Gemüseladen an der Ecke gehen muss. Und wir sollten den Mut haben, in einer respektvollen und freundlichen Atmosphäre zu sagen: Ihr seid hier willkommen. Was bringt ihr mit? Was könnt ihr beitragen zu einer lebendigen und zukunftsfähigen Gesellschaft in Deutschland?


Die eigene Glaubensüberzeugung stärken

Im vorangegangenen Abschnitt habe ich deutlich gemacht, wie wichtig es ist, auf die Muslime zuzugehen und sich auf ihre Religion und Lebensweise einzulassen. Gerade dabei wird uns aber oft schmerzlich bewusst, dass der christliche Glaube bei vielen Menschen innerhalb der Kirchen schwach und oberflächlich geworden ist. Die Begegnung mit einer Religion wie dem Islam, die einen Absolutheitsanspruch erhebt, führt deshalb zur Verunsicherung, Ängstlichkeit und einer Abwehrhaltung.

Es muss uns aber klar sein, dass für diese Erosion des christlichen Glaubens nicht die Muslime verantwortlich sind, sondern ausschließlich wir selbst. Nicht die Fixierung auf einen vermeintlichen Gegner hilft uns hier weiter, sondern nur eine intensive Auseinandersetzung mit der Frage: was glaube ich wirklich? So gesehen ist die Anwesenheit der Muslime in Deutschland keine Bedrohung des Christentums, sondern ein heilsamer Anstoß, sich unseres eigenen Glaubens wieder neu zu vergewissern.

Die franziskanische Bewegung hat sich von Anfang an als eine Bewegung der Umkehr zu Gott und der unbedingten Nachfolge Jesu Christi verstanden. Als Franziskus vom Papst in Rom die Bestätigung der Lebensregel seiner Gemeinschaft erbat, stellte er sich und seine Brüder als “Büßer aus der Stadt Assisi” vor, dass heißt als Menschen, die eine Lebenshaltung der vorbehaltlosen und ganzheitlichen Neuorientierung des persönlichen Lebens praktizieren. In seinem “Brief an die Gläubigen” fordert er alle Christen auf, sich diese Haltung der Erneuerung in ihrer jeweiligen Lebenssituation zu eigen zu machen.

Diese Umkehr und Neuorientierung brauchen wir heute auch. Dabei spielt die Wiedergewinnung eines ausreichenden Wissens über unseren eigenen Glauben, eine vertiefte Beschäftigung auch der Laien mit den Traditionen und Lehren der Kirche sicherlich eine nicht unwesentliche Rolle. Der entscheidende Punkt aber ist meiner Ansicht nach die Stärkung der persönlichen Beziehung zu Gott im Leben der Gläubigen. Träger dieser Gottesbeziehung ist der Glaube an Jesus Christus als den “Erlöser und Retter” und das dadurch ermöglichte persönliche und gemeinschaftliche Gebet. Wie in keiner anderen Religion verkündet das Christentum die Möglichkeit einer wirklichen Gemeinschaft mit dem “allmächtigen Gott, dem Schöpfer aller Dinge” (Zitate aus der Nichtbullierten Regel). Diese Gemeinschaft hat Jesus Christus durch sein Kreuzesopfer gestiftet und uns geschenkt. Die Ausstrahlung des Christentums beruht auf der Wirksamkeit dieses Geschenkes in unserem Leben.

Selbstverständlich bleibt diese vertrauensvolle Beziehung zu Gott nicht im rein Persönlichen und Spirituellen stehen. Nachfolge Jesu Christi bedeutet immer auch Einsatz für das Reich Gottes, das ein Reich der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Mit einiger Berechtigung kann man sagen, dass die Zunahme vieler Probleme in unserer Gesellschaft, z.B. das einseitige Denken in Kategorien von Erfolg und Effektivität oder die Vereinsamung und Desorientierung vieler Menschen mit der Erosion des christlichen Glaubens Hand in Hand geht. Die Umkehr zu den Werten des Evangeliums in unserem Leben ist deshalb ein prophetisches Zeugnis für die ganze Gesellschaft, das dem Zusammenleben aller Menschen zugute kommt.


Einen offenen Dialog führen

Die Verankerung unseres Lebens in der Beziehung zu Jesus Christus und das feste Vertrauen auf Gott machen es möglich, dass wir anderen Weltbildern und Religionen mit Interesse und Offenheit begegnen. Ein Baum, der tiefe Wurzeln hat, kann seine Äste auch weit zur Seite ausstrecken. Wenn wir als Christen in einer Gesprächssituation mit Muslimen zunächst einmal das suchen, was beiden Religionen gemeinsam ist, dann hat das nichts mit einem Relativieren oder Verstecken der eigenen Glaubensüberzeugung zu tun. Selbstverständlich sollen wir in angemessener und freundlicher Weise deutlich machen, dass unsere unverzichtbare Quelle des Glaubens an Gott eben Jesus Christus ist. Aber gerade weil wir in unserer Überzeugung feststehen, brauchen wir uns nicht bedroht zu fühlen durch die Tatsache, dass der Islam eine andere Form des Zugangs zu Gott hat. Fruchtbar wird der Dialog dann, wenn wir von dem ausgehen, was Muslime und Christen, oft zusammen mit den Juden, gemeinsam haben. Das ist ja vor allem der Glaube an den allmächtigen und barmherzigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, der die Menschen liebt und sich ihnen offenbart. Außerdem der Glaube daran, dass wir aufgerufen sind, gerecht und liebevoll zu handeln und dass wir am Ende unseres Lebens nach unseren Taten beurteilt werden. Gemeinsam ist uns auch die Praxis des Gebets, des Fastens und der Versammlung zum Gottesdienst. Beim Gespräch über diese Grundlagen können beide Seiten ein tieferes und weiteres Verständnis für ihre eigene Religion erlangen.

Auf der Basis dieses gemeinsamen Fundaments können dann auch Dinge zur Sprache kommen, in denen sich die beiden Religionen unterscheiden. Bei manchen Fragen ist es dann vielleicht möglich, Missverständnisse aufzuklären, Vorurteile abzubauen und in manchen Dingen sogar voneinander zu lernen. Andere Verschiedenheiten müssen dagegen einfach in einer Haltung gegenseitiger Achtung stehen bleiben und ausgehalten werden. Zu dieser Achtung gehört natürlich auch, dass der  Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung in Deutschland akzeptiert wird. Durch den Glauben an den göttlichen Charakter des Koran fällt es Muslimen manchmal schwer, die Spannung zwischen der im Koran festgelegten Gesellschaftsordnung und unserer freiheitlichen Verfassung auszuhalten. Es gehört zu einem klaren und freundschaftlichen  Verhalten unsererseits, dann auch die deutliche Rückmeldung zu geben, dass die Grundsätze des demokratischen Staates nicht zur Disposition stehen.

Diese Rückmeldung kann die Muslime dazu anregen, eine Theologie der Diaspora zu entwickeln, die ihnen eine Integration in unsere Gesellschaft auch in religiöser Hinsicht ermöglicht. Ansatzpunkte dazu scheint es sowohl im Koran als auch im Lebenslauf des Propheten Mohammed zu geben, der nach seiner Flucht aus Mekka für einige Zeit Zuflucht bei einem christlichen Beduinenstamm fand. Dabei muss uns klar sein, dass eine völlige Identifikation der Muslime mit der westlichen Gesellschaftsform nicht erreicht werden kann. Sie ist allerdings auch nicht nötig, denn auch wir Christen leben immer in Spannung zu der real existierenden Gesellschaft. Wir können uns nie mit dem Zustand zufrieden geben, der in einer Gesellschaft erreicht ist. Nach dem Johannesevangelium sind wir “in der Welt, aber nicht von der Welt”, immer auf dem Weg zu unserem wahren Vaterland, das erst noch zu erreichen ist. Für uns Katholiken kommt dazu noch die innere Bindung an das römische Lehramt, die ja in Zeiten protestantischen Staatschristentums auch als eine Form des Landesverrats angesehen wurde.

Die größte Schwierigkeit für den Dialog besteht darin, dass beide Religionen den Anspruch erheben, auf einer absoluten Offenbarung Gottes zu beruhen, und so die Wahrheit zu den Menschen zu bringen. Die westliche Philosophie des 20. Jahrhunderts hat, motiviert durch die vielen Religionskriege und die Erfahrung mit den totalitären Ideologien, den Begriff der Wahrheit grundsätzlich in Zweifel gezogen. Für sie gilt es als selbstverständlich, dass Wahrheit immer nur relativ sein kann und vom jeweiligen Zusammenhang definiert wird. Da viele Christen sich diese Auffassung zu eigen gemacht haben, ist für sie der Absolutheitsanspruch des Islam etwas Erschreckendes und Rückständiges. Sie vergessen dabei aber, dass das Christentum sich ebenfalls als endgültige und richtungsweisende Offenbarung Gottes versteht. Was sollte der Titel “Sohn Gottes”, den Jesus aus unserer Sicht zu Recht trägt, denn anderes bedeuten, als dass seine Botschaft für alle Zeiten und für alle Menschen Gültigkeit hat? Es besteht sicherlich Bedarf für ein vertieftes Nachdenken über den Wahrheitsbegriff, bei dem nicht nur die Religionen einen Beitrag zu leisten haben, sondern auch die nichtreligiöse Philosophie und die Wissenschaft. Es scheint mir auf jeden Fall klar zu sein, dass die Beliebigkeit und Fragmentierung der postmodernen Philosophie keine wirkliche Perspektive zu einer menschlichen Gestaltung einer Welt bietet, die an Hektik und Leistungsdruck einerseits und an Mutlosigkeit und Vereinsamung andererseits leidet.

Das Beispiel des Franziskus zeigt, dass der scheinbar so unauflösbare Gegensatz unterschiedlicher Wahrheitsansprüche nicht zu Aggressionen und Gewalt führen muss. Obwohl der Glaube an Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, für Franziskus der Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Lebens war, konnte er den Muslimen mit einer Haltung der Wertschätzung begegnen, die von diesen erwidert wurde. Diese gegenseitige Wertschätzung wird möglich, wenn man die Aufforderung beider Religionen zu Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und Hilfsbereitschaft ernst nimmt und die von beiden Religionen geforderte Toleranz für die Gewissensfreiheit des einzelnen einhält. Und sie wird möglich, wenn man auf den liebevollen und allmächtigen Gott vertraut, der die Widersprüche am Ende der Zeiten auflösen und uns in die unverhüllte Wahrheit führen wird. Hierin zeigt sich auch eine gemeinsamer Vorrat an Überzeugungen, den beide Religionen gemeinsam in den gesellschaftlichen Diskurs mit einbringen können.



6. Schlussgedanken


Meine persönlichen Erfahrungen mit Muslimen

Ich selber bin weder Theologe noch Religionswissenschaftler, und auch nicht in besonderer Weise mit dem christlichislamischen Dialog befasst. Der Anstoß für eine genauere Auseinandersetzung mit diesem Thema kam durch meine Teilnahme an Veranstaltungen des christlich-islamischen Zentrums beim Katholikentag 2006 in Saarbrücken. Dort wurde ich noch einmal eindringlich mit verschiedenen Standpunkten von Muslimen in Deutschland konfrontiert.

Seit langer Zeit habe ich aber immer wieder in ganz unterschiedlichen Situationen mit Muslimen, ihrem Glauben und ihrer Kultur zu tun gehabt, angefangen mit auch in Deutschland verbreiteten islamischen Märchen wie “Sindbad der Seefahrer” und “Ali Baba und die vierzig Räuber”. Später kam die Begegnung mit islamischen Arbeitskollegen und -kolleginnen in Aushilfsjobs hinzu; als Jazzmusiker kam ich mit der Tatsache in Berührung, dass viele wichtige afroamerikanische Musiker in den 50er und 60er Jahren eine Affinität zum Islam hatten; eine zweimonatige Reise führte mich in den 80er Jahren alleine bis in den Osten der Türkei. Schließlich haben wir unsere Kinder bewusst nicht auf einer kirchlichen weiterführenden Schule angemeldet, um ihnen (und damit auch uns) Erfahrungen mit der real existierenden deutschen Gesellschaft in einem möglichst breiten Querschnitt zu ermöglichen.

Ich habe viele positive Dinge erlebt und wichtige Anregungen erhalten, aber auch manches, was für mich fragwürdig und nicht akzeptabel ist. Ich habe die unkomplizierte Kollegialität meiner türkischen und arabischen Arbeitskollegen schätzen gelernt, ihr Improvisationstalent und ihre Art, auch bei anstrengenden und ermüdenden Arbeiten ein gutes Arbeitsklima zu erhalten und nicht alles mit verbissenem Ernst zu betrachten. Ich mochte die Art, wie sie über ihre Familien erzählt haben, und den Zusammenhalt, der daraus sprach.

Ich habe die großzügige Gastfreudschaft gegenüber  Fremden in der Türkei genossen. Ich erinnere mich gerne an geteilte Mahlzeiten und an viele erzählte Geschichten. Ich war beeindruckt von der Klarheit und Schönheit der Moscheen, die die Transzendenz Gottes so deutlich zum Ausdruck bringt; von der Musikalität der Koranrezitationen und der berührenden Intensität des Muezzin-Rufes; von dem nüchternen Alltagsbezug des Islam, der sich in vielen Dingen zeigt: den rituellen Waschungen vor dem Gebet, die in der orientalischen Hitze Körper und Geist erfrischen und den staubigen Alltagstrott unterbrechen; der Tatsache, dass Moscheen nicht nur Gebets- sondern auch Lehrräume sind; den genau festgelegten Gebetshaltungen, die auch den Charakter von Gymnastikübungen haben und den Betenden so auch körperlich beweglich halten. Ich lernte die Konsequenz kennen, mit der die Muslime den Ramadan einhalten und erlebte das Ausziehen der Schuhe vor dem Besuch einer Moschee als Ausdruck der absoluten Gleichheit aller Menschen vor Gott.

Ich habe aber auch einige Schattenseiten dieser an und für sich positiven Elemente des Islam und der von ihm geprägten Kultur kennengelernt. Ich habe in der Türkei zweimal mit jungen Männern gesprochen, die unglücklich waren, weil sie aus Deutschland in die Türkei zurückkehren und eine völlig unbekannte Frau heiraten mussten. Die Mutter war krank geworden und es wurde jemand zur Haushaltsführung gebraucht.
Ich habe mich in der islamischen Wallfahrtsstadt Konya mit einem (übrigens sehr freundlichen und gebildeten) Islamisten unterhalten, der klar dafür eintrat, die Türkei in einen islamischen Staat auf der Basis der Scharia, des traditionellen islamischen Rechts, zu verwandeln. Da für ihn ja der Koran Wort für Wort von Gott eingegeben worden war, konnte und durfte es keinerlei Veränderung der Tradition geben. Andere Religionen konnten für ihn keine wirklichen Rechte haben, da sie ja unwahr waren.
Ich habe erfahren, dass die Gastfreundschaft auch eine fragwürdige Seite hat, wenn sie nämlich eine kritiklose gegenseitige Unterstützung aller Ziele und Standpunkte fordert, und vorsichtiges Nachfragen schon als Illoyalität wertet.
Ein Problem an deutschen Schulen ist sicherlich das Verhalten mancher islamischer Jungen, das von einem anmaßenden Überlegenheitsgefühl gegenüber den Mädchen geprägt ist. Und natürlich kenne ich die Zeitungsberichte über mangelnde Religionsfreiheit, Unterdrückung von Frauen und Gewalttätigkeit in islamischen Ländern.
Im religiösen Bereich vermisse ich die Möglichkeit des vertrauensvollen persönlichen Gebets, die Anrede Gottes als “Abba”, lieber Vater. Ich vermisse die intensive und verwandelnde Auseinandersetzung mit dem Leid, wie sie im Christentum durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi gegeben ist. Und ich halte die im Evangelium vertretenen Lehren von der Trennung von Staat und Religion, von der unauflöslichen Einehe und nicht zuletzt von der Feindesliebe einfach für wahr und richtig, gerade auch im Vergleich mit den davon abweichenden Lehren im Islam.


Licht und Schatten gehören zusammen

Die Schwierigkeit bei all diesen positiven und negativen Erfahrungen ist, dass sie oft untrennbar zusammenhängen. Das Gute bedingt das Schlechte mit. Aber genauso ist es in unserer eigenen Kultur ja auch. Natürlich ist es gut, dass Partnerschaft und Ehe persönliche Entscheidung jedes und jeder Einzelnen sind. Aber untrennbar damit verbunden ist das Scheitern vieler Paare, das viele Hoffnungen in Trümmer legt und die Kinder der zerbrochenen Familien stark belastet. Natürlich ist wissenschaftlicher Fortschritt etwas Gutes. Aber unsere westliche Art des Denkens hat neben einer früher unvorstellbaren Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung auch ökologische Probleme mit sich gebracht, von denen niemand weiß, welche Katastrophen sie noch verursachen werden.

Wir verurteilen (völlig zu Recht!) die sogenannten “Ehrenmorde”, mit denen islamische Mädchen in die Disziplin der Großfamilie gezwungen werden sollen, und begründen die Taten  schnell mit der Struktur muslimischer Familien. Aber wir übersehen oft, dass alle paar Wochen ein deutscher Familienvater seine gesamte Familie und dann sich selbst tötet. Dabei hängen diese “Familientragödien” auf ganz ähnliche Weise mit den zerbrechenden Beziehungen in unserer Gesellschaft zusammen. Genauso schief ist unsere Bewertung oft, wenn es um den Bereich terroristischer und militärischer Gewalt geht. Die im Namen des Islam verübten Anschläge auf das World Trade Center waren schrecklich und unentschuldbar und haben über 3000 völlig unbeteiligten Menschen das Leben gekostet. Der anschließende Afghanistan-Feldzug der westlichen Staaten, der mit der Verteidigung der westlichen Werte begründet wurde, erreichte diese Zahl an Todesopfern unter Zivilisten allerdings ebenfalls bereits nach wenigen Wochen. Dabei wurden zwei Hochzeitsgesellschaften bombardiert. Das war den Zeitungen jeweils nur eine kurze Nachricht wert. Ist das Leben eines Afghanen wirklich weniger wertvoll als das eines Amerikaners?

Es bleibt also festzuhalten, dass in dieser Welt jede Gute Sache auch immer ihre Schattenseiten hat, und zwar in jeder Kultur. Unkraut und Weizen wachsen zusammen hoch, und Jesus erklärt das ausdrücklich für gut und mahnt uns zur Geduld. Diese Schattenseiten einer Kultur können nur überwunden werden, wenn man sich ihnen in einem freiwilligen Erkenntnisprozess stellt. Es hilft also nicht weiter, der jeweils anderen Kultur ständig ihre Schwächen vorzuhalten, denn diese sind ja immer auch mit Eigenschaften verbunden, die die Menschen innerhalb dieser Kultur als wertvoll und lebensnotwendig erfahren. Notwendig ist ein Dialog der gegenseitigen Ermutigung und des Respekts, der beiden Partnern dabei hilft, die eigenen Stärken weiter zu entwickeln, so dass die Schwächen mit der Zeit zurücktreten. Jesus sagt: “Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet” und: “Sucht nicht den Splitter im Auge des Nächsten, sondern den Balken im eigenen Auge.” Hier können wir wieder auf das Verhalten des Franziskus zurückkommen, wie es oben im Text beschrieben wurde. In ihm erkennen wir ein Modell für einen menschlichen und fruchtbaren Umgang mit der Unterschiedlichkeit von Religionen und Kulturen.


Die Chancen der weltgeschichtlichen Stunde nutzen

Dieser Dialog zwischen der christlich-westlichen und der islamischen Welt ist schwierig. Er braucht viel Geduld und ist mit dem ständigen Risiko des Scheiterns verbunden. Aber durch die islamische Einwanderung nach Europa ist eine in der jahrtausendealten Geschichte dieser Auseinandersetzung völlig neue Situation entstanden, weil es zum ersten Mal eine islamische Diaspora in einem vom Christentum geprägten Umfeld gibt. Für die Muslime stellt sich die Frage, wie sie sich in einer Gesellschaft verhalten sollen, in der die Einheit von Staat und Religion im Sinne des Islam grundsätzlich unmöglich ist. Diese Frage ist für die Muslime deshalb so drängend und schmerzhaft, weil sie an Grundsätze des Koran rührt und deshalb die dogmatischen Grundlagen des Islam in Frage stellt.

Aber genau deshalb ist diese Entwicklung in Westeuropa auch so wichtig, denn hier kann es zu einer Form des Zusammenlebens und der Interpretation des Islam kommen, die positiv auf die übrigen Regionen der Welt ausstrahlt. In unserer heutigen Situation haben wir die Möglichkeit, den Keim einer Verständigung zwischen Islam, Christentum und Aufklärung einzupflanzen, der irgendwann einmal die lange Geschichte der Gewalt und der Missverständnisse beendet.

Die entscheidenden Schritte zu einer Weiterentwicklung des Islam müssen die Muslime selber tun. Wir können von außen noch nicht sehen, wohin sie führen werden. Aber wir können sie unterstützen: indem wir sie als Menschen ernst nehmen und den Kontakt zu ihnen suchen; indem wir versuchen, ihre Religion zu verstehen und die positiven Dinge in ihr zu sehen; indem wir ihnen ein faires Angebot zur Mitwirkung in der demokratischen Gesellschaft machen; indem wir unseren christlichen Glauben erneuern und dabei einen ehrlichen Blick auch für die eigenen Schwächen haben.

Die Chance einer friedlichen und für alle Seiten vorteilhaften Integration der Muslime besteht. Schon in wenigen Jahren hat sich das Konfliktpotential vielleicht schon so verschärft, dass es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen kann. Die Zeitfenster zur Lösung geschichtlicher Probleme öffnen sich und schließen sich wieder. Wir sollten jede Anstrengung unternehmen, um die Chancen der weltgeschichtlichen Stunde zu nutzen.


Matthias Petzold, Juli 2006

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