Wie wirkt Musik in der Gesellschaft?

Im Text “Engagierte Kunst” wurde die These vertreten und begründet, dass die im 20. Jahrhundert vorherrschende Auffassung von der völligen Autonomie der Kunst und dem damit verbundenen Grundsatz “l´art pour l´art” in der heutigen Situation einer Korrektur bedarf. Meiner Meinung nach ist ein lebendiger Dialog zwischen Kunst und Gesellschaft unverzichtbar für beide Seiten. Aufgabe des Künstlers in diesem Dialog ist es auch, sich in Bezug auf eine Weiterentwicklung eines humanen Menschen- und Gesellschaftsbildes zu engagieren.

Natürlicherweise stellt sich die Frage, wie das geschehen kann, und wie sich gerade in der Musik ein solches Engagement verwirklichen lässt. Schließlich gibt es ja, vor allem im Bereich der Popmusik, eine ganze Reihe von Beispielen, in denen das politische Engagement von Künstlern eher oberflächlich und peinlich wirkt. In Thomas Manns berühmtem Roman “Der Zauberberg” bezeichnet der Aufklärer Settembrini Musik sogar als “politisch verdächtig” und spricht ihr die positive gesellschaftliche Funktion ab, die er der Literatur zuschreibt. Ich habe deshalb einmal grundsätzlich über die Wirkungsweise von Musik nachgedacht, und dabei bei den Eigenschaften begonnen, die zum Wesen jeder Form von Musik gehören. Das gesellschaftliche Engagement im engeren Sinne steht erst am Ende meiner Betrachtung. So ergibt sich folgender Aufbau:

I. Klang und Selbsterfahrung
II. Kreativität und Selbstentfaltung
III. Musik als gelebte Beziehung
IV. Gesellschaftliche Visionen in der Musik


I. Klang und Selbsterfahrung

Die postindustrielle Welt, in der wir leben, ist gekennzeichnet durch eine starke Differenzierung der Lebensbereiche, die zu einer Zersplitterung der Welt- und Selbsterfahrung der Menschen führt. In unterschiedlichen Situationen werden ganz unterschiedliche Rollenerwartungen an den Einzelnen gestellt, die oft mit großem Druck durchgesetzt werden. Zu nennen wären etwa die Bereiche Arbeit, Freizeit, Bildung, Konsum, Familie. Der Mensch soll also an seinem Arbeitsplatz leistungsfähig, willensstark, kampf- und erfolgsorientiert sein. Im Freizeitbereich stehen viele unter dem Druck, Spaß- und Trenderlebnisse vorzuweisen. Die ständig erforderliche Weiterbildung setzt Lernfähigkeit, Bescheidenheit und Bewusstsein für die eigenen Schwächen voraus. Der Konsum, der zum Funktionieren unseres Wirtschaftssystems unerlässlich ist, verlangt eine möglichst ungehemmte Trieborientierung. In der Familie soll der ganze ansonsten ausgegrenzte Bereich emotionalen Erlebens und verlässlicher Beziehungen stattfinden, was häufig zu einer Überforderung und zum Zerbrechen der Familie führt.

Das Hören und Machen von Musik ist in dieser Situation eine Alternative zu der oben skizzierten Zersplitterung des Individuums. Klänge sind von Natur aus einheitlich. Sie sprechen Geist und Körper gleichermaßen an und ihr Erleben wurzelt in frühen Kinheitserfahrungen. Die Wahrnehmung von Klängen geht jedem sprachlichen Denken voraus und verbindet emotionale und rationale Elemente im Menschen. Wer Musik hört, und vor allem wer Musik macht, hat die Möglichkeit, sich selbst als ganzes Wesen und als Einheit zu erleben. Diese Erfahrung befähigt zunächst einmal zur inneren Integration der auseinanderstrebenden Lebenswelten. Sie ermutigt auch dazu, nach Formen der Lebensgestaltung zu suchen, die die unterschiedlichen Lebensbereiche stärker verbinden.

Wer sich für Musik, vor allem für das aktive Machen von Musik, einsetzt, der fördert die Widerstandskraft der Menschen gegenüber der Aufsplitterung des Individuums in unserer Gesellschaft.


II. Kreativität und Selbstentfaltung

Natürlich gibt es sehr unterschiedliche Arten von Musik. Die oben beschriebenen Eigenschaften von Klängen führen dazu, dass sie gezielt als Beruhigungs- und Manipulationsmittel eingesetzt werden, etwa bei der Dauerberieselung in öffentlichen Räumen oder in der Werbung. Diese Art von Musik dient nicht der Bewussstwerdung und Selbsterfahrung von Menschen, sondern dazu, sie von einer Wahrnehmung der Realität abzuhalten.

An eine Musik, die sich in positivem Sinne engagiert, stellt sich also noch eine weitere Anforderung: sie muss eine authentische Aussage des Künstlers sein, die mit seiner Person und seinem Leben übereinstimmt. In der kreativen Auseinandersetzung mit den Klängen, Rhythmen, Stimmungen und Musikstilen seiner Umgebung entwickelt der Musiker seine Identität. Diese Selbstentfaltung kann bei einem bedeutenden Künstler in der Entwicklung eines eigenen, neuen Musikstils bestehen. Sie findet aber auch statt, wenn ein Amateurmusiker sich aktiv mit Musik beschäftigt, die ihn persönlich anspricht.
Diese Form des kreativen Umgangs mit Musik ist ein Akt der menschlichen Freiheit. Der Künstler verwirklicht sie, indem er seine Form der Wahrnehmung und des Ausdrucks ernst nimmt.

Er lässt sich als Person nicht deformieren und in zweckorientierte Rollen pressen, sondern besteht auf seiner eigenen Persönlichkeit. Dabei ist es zunächst einmal nicht wichtig, was bei diesem kreativen Prozess herauskommt. Es gilt also gleichermaßen für Jazz, zeitgenössische Konzertmusik und authentische Formen populärer Musik. Die Künstler übernehmen hier eine Vorbild- und Vorreiterfunktion, die in andere Bereiche der Gesellschaft ausstrahlt.

Wer sich um die Entwicklung einer selbständigen künstlerischen Identität bemüht, ermutigt andere dazu, ebenfalls ihre Persönlichkeit zu entfalten und sich nicht den vielfältigen Druckmechanismen der Gesellschaft zu unterwerfen.


III. Musik als gelebte Beziehung

Bisher ging es vor allem um die Wirkungen, die Klänge und der kreative Prozess auf den einzelnen Menschen haben. Musik findet aber immer in Gemeinschaft statt. Sie kann nur erlernt werden über Hörerfahrungen und Hörtraditionen; sie findet statt in den Beziehungen der Musiker eines Ensembles untereinander; und sie findet statt in der Beziehung der Musiker zu den Hörern.

Dieser Gemeinschaftsbezug von Musik steht in deutlichem Kontrast zu einigen der Werte, die in unserer Gesellschaft dominieren. Gelungenes Musizieren setzt voraus, dass man intensiv aufeinander hört, und dass sich der Einzelne auch zurücknehmen kann, wenn es die Situation erfordert. Schrankenloser Individualismus, Rücksichtslosigkeit und IchFixierung sind Eigenschaften, die in der Musik unmittelbar als hinderlich und zerstörerisch entlarvt werden.

Der Gemeinschaftscharakter in der Musik entfaltet sich allerdings in den verschiedenen Musikstilen auf höcht unterschiedliche Weise. Es ist also wichtig, die Musikstile gesondert zu betrachten und die unterschiedlichen Beziehungsmuster in ihnen in den Blick zu nehmen. Hierbei zeigt sich eine der wesentlichen Errungenschaften, die der Jazz mit sich gebracht hat.

Ein klassisches Orchester hat eine Organisationsstruktur, die in mancher Hinsicht als totalitär bezeichnet werden kann. Der Dirigent ist der absolute Alleinherrscher, dem sich die Musiker auch in Fragen kleinster musikalischer Nuancen unterordnen müssen. Der kreative Akt steht nur dem Komponisten zu, alle anderen Beteiligten haben lediglich ausführende Aufgaben. In klassischer Kammermusik kann zwar die Interpretation eines Werkes von den Musikern gemeinsam erarbeitet werden, aber auch hier darf die Komposition nicht verändert werden. Die Rituale des Konzertbetriebes sind so ausgerichtet, dass ein Kontakt der Musiker zum Publikum möglichst wenig stattfindet. Klassische Musik geht von der Auffassung aus, dass allein das “Werk” im Mittelpunkt steht, und das Publikum eher zufällig anwesend ist. Infolgedessen hat man sich in der avantgardistischen Konzertmusik auch daran gewöhnt, Musik praktisch ohne Hörer zu machen.

Im Jazz ist die wichtigste Ensembleform nicht das Orchester (also hier: Big Band), sondern die Combo. In der Jazzcombo können in flexibler Weise die Fähigkeiten aller Musiker zur Entfaltung gebracht werden. Die Gestaltung der Stücke wird in der Regel gemeinsam besprochen, und zwar auch dann, wenn die Band einen Leiter hat. Kompositionen werden als Anregung verstanden und den Erfordernissen der Situation angepasst, oder sogar völlig neu gedeutet und arrangiert, was von Jazzkomponisten ausdrücklich begrüßt wird. Über die Improvisationen, die meistens den größten Teil der Musik ausmachen, kann jeder Musiker am kreativen Prozess teilnehmen.

Auch eine Big Band ist nicht totalitär, sondern eher hierarchisch organisiert. Ein guter Leiter hat zwar den Überblick und gibt die großen Linien vor, viele Einzelheiten regeln die einzelnen Gruppen in der Band (z.B. Rhythmusgruppe oder Trompetensatz) aber untereinander. Wegen der großen Anzahl der Musiker ist es zwar praktisch unmöglich, Kompositionen kurzfristig zu verändern oder jedem Musiker Freiraum zur Improvisation zu geben, aber zu mindestens die Solisten nehmen gleichberechtigt am kreativen Prozess teil.

Die enge Beziehung der Musiker zu den Hörern im Jazz drückt sich auf unterschiedliche Weise aus: in spontanem Beifall und Zurufen aus dem Publikum; in den Ansagen, die oft spontan und witzig sind; in der Programmauswahl, die auf die Konzertsituation abgestimmt ist, und häufig auf die Wünsche der Hörer Rücksicht nimmt. (siehe auch: Jazzmusiker und ihr Publikum)

Auch in der populären Musik gibt es, wenn sie nicht als reines Industrieprodukt allein auf den Markterfolg ausgerichtet ist, intensive Gruppenstrukturen, die denen einer Jazzband entsprechen. Da die Musik einfacher aufgebaut ist, kommt es oft mehr auf die persönliche Verbundenheit der Musiker untereinander an als im Jazz. Das führt dazu, dass die Gruppenidentität wichtiger ist als die Individualität der einzelnen Musiker. Die einfachen musikalischen Strukturen öffnen die Musik auch Menschen, die nicht so sorgfältig ausgebildet sind, wie es im Jazz und in der Klassik normalerweise der Fall ist. Die Vorgehensweise “kauf dir eine Gitarre, lerne drei Akkorde und gründe eine Band” hat einen ausgesprochen demokratischen Impetus, auch wenn die tatsächlichen musikalischen Ergebnisse meistens dürftig sind.

Ein Problemfeld in der gesamten populären Musik liegt in der Beziehung der Musiker zum Publikum. “It´s just a show, but people think it´s reality.” hat Mick Jagger einmal gesagt. Darin liegt natürlich der Keim eines Selbstbetruges, der Authenzität immer nur vorgaukelt. Nicht umsonst heißt eine der Platten der legendären Punk-Band “The Sex Pistols”: “The Great Rock´n Roll Swindle”. Die Ironie des Titels liegt darin, dass die Band mit ihrem sorgfältig gepflegten Rebellen-Image und der zentral entworfenen Müll-Ästhetik des Punk selber Teil dieses Schwindels war. Durch diesen Showcharakter ist die populäre Musik in der Lage, industrielle Formen anzunehmen, und riesige Märkte durch den Aufbau vorgespiegelter Realitäten aufzubauen. Trotzdem gibt es auch heute noch authentische und künstlerisch anspruchsvolle Formen von populärer Musik. (In punkto Authentizität liegt vermutlich das Jugendzentrum um die Ecke eindeutig vorne!)

Wer Musik macht, geht intensive Beziehungen zu seinen Mitmusikern ein, und widerspricht auf diese Weise der stetig zunehmenden Vereinzelung in unserer Gesellschaft. Durch die Wahl ihres Musikstils gestalten Musiker immer auch bestimmte Beziehungsmuster, die Vorbildcharakter annehmen. Wer Jazzmusik macht, der vermittelt eine Form von Beziehung, die Individualität und Gruppenverantwortung in einer flexiblen Weise zum Ausgleich bringt. Jazzmusiker praktizieren (auf der Bühne!) eine Form von Gemeinschaft, die positive Impulse für die Gestaltung der Gesellschaft setzt.


IV. Gesellschaftliche Visionen in der Musik

Der vorhergehende Abschnitt über Beziehungsstrukturen hat schon deutlich gemacht, dass mit der Wahl eines bestimmten Musikstils und einer bestimmten Ausdrucksform in gewisser Weise auch eine Entscheidung für eine Form des Zusammenlebens und ein Gesellschaftsbild getroffen wird. Der sorgfältigen Ausbalancierung des Verhältnisses von Gruppe und individueller Freiheit in einer Jazzband stehen etwa der kollektive Anarchismus einer Punkband, der strukturelle Konservatismus eines Sinfonieorchesters oder die Technikfixierung eines Techno-DJs gegenüber.

Allein durch ihr Vorhandensein impliziert Musik also schon eine gesellschaftliche Vision. Um weitergehende Aussagen zu machen, muss der Künstler allerdings den Bereich der reinen Musik verlassen und sprachliche Ausdrucksformen miteinbeziehen. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Musik in sich hat immer auch Sprachcharakter. Musikstile transportieren Botschaften, die sich durch ihre geschichtliche Entwicklung im Bewusstsein der Hörer gebildet haben: Jazz ist immer auch die Musik, über die die unterdrückten Schwarzen Amerikas ihre Identität gefunden haben. In der klassischen Musik schwingt der Glanz und die Macht der höfischen Eliten vergangener Jahrhunderte mit. Rockmusik transportiert immer auch eine Vorstellung von Rebellion und antibürgerlicher Subkultur. Der Musiker macht also auch auf diese Weise durch die Wahl seines Musikstils eine politische Aussage. Dieses Element kann auch gezielt eingesetzt werden, etwa auf der Platte “Ballad of the Fallen” des Jazzbassisten Charlie Haden, wo die südamerikanischen Musikstücke die Solidarität der Band mit dem Volk von El Salvador ausdrücken.

2. Die Einbeziehung von Texten, in denen direkt zu bestimmten Themen Stellung genommen wird, gehört von Anfang an zu jeder Form von Musik dazu, ob es sich nun um keltische Barden, afrikanische Griaults, mittelalterlichen Kirchengesang, Opern und Oratorien oder Pop-Songs handelt. Ein ganz wesentliches Beispiel aus dem Jazzbereich ist das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday, das in einer damals erschütternden und auch heute noch berührenden Weise die Lynchjustiz an Schwarzen im Süden der USA behandelt. Da Jazzmusik überwiegend instrumental ist, übernehmen oft die Stücktitel die Funktion eines Textes, etwa bei Charles Mingus, bei dem Titel wie “Prayer for passive Resistance”, “Oh Lord, don´t let them drop that atomic bomb on me” oder “Goodbye Pork Pie Hat” sehr intensive politische und persönliche Botschaften beinhalten.

3. Ein Musiker kann seine im künstlerischen Bereich gewachsene Autorität nutzen, um im politischen Bereich Stellung zu beziehen. Ein Beispiel hierfür ist Miles Davis, der zwar in seiner Musik keinerlei politische Aussagen gemacht hat, sich aber oft mit ziemlicher Vehemenz zur Situation der Schwarzen in Amerika geäußert hat.

Über die Verwendung von Musikstilen, von Texten und Stücktiteln, und über öffentliche Äußerungen kann sich ein Musiker in ganz unterschiedlicher Form gesellschaftlich engagieren. Das gehört von Anfang an auch zu den Aufgaben von Musik.
Wie man gesehen hat, gibt es viele und unterschiedliche Möglichkeiten, als Musiker auf den gesellschaftlichen Diskurs einzuwirken. Wir sollten sie nutzen!


Matthias Petzold, Dezember 2002



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Musik und Gesellschaft