Jazz als Begegnung europäischer und afrikanischer Musiktraditionen


Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß das wichtigste musikalische Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts die Begegnung der afrikanischen und der europäischen Musikkultur ist. Diese Begegnung fand zuerst in den Ländern Nord- und Südamerikas statt, wo Menschen afrikanischer und europäischer Herkunft zusammenleben. Hier entstanden der Jazz und die verschiedenen südamerikanischen Musikstile, und daraus hervorgehend die verschiedenen Formen der Rock- und Popmusik, die heute weltweit verbreitet sind.

Das europäische Musikverständnis ist geprägt durch eine hochentwickelte Harmonik und Melodik. Die Musikstücke werden in Noten und Partituren aufgeschrieben. Diese Arbeitsweise ermöglichte die Entwicklung sehr unterschiedlicher komplexer Formen, wie zum Beispiel der Fuge, der Sonate und der Zwölftontechnik, verhindert aber die improvisatorische Veränderung eines derart festgelegten Musikstückes. Musik, oder Kunst überhaupt, wird sehr stark als Wert an sich betrachtet. Sie richtet sich zunächst nicht an ein bestimmtes Publikum und hat in ihrer höchsten Form auch keine gesellschaftliche Funktion. Es besteht in hohem Maße die Erwartung, dass der Musiker oder Komponist sich immer neue und neuartige Kompositionen ausdenkt, dass er "kreativ" ist.

In der afrikanischen Musik ist der Rhythmus das dominierende Element. Das Musikstück entsteht durch die Überlagerung unterschiedlicher Rhythmen, die sich zu einem komplexen Geflecht ergänzen. Jeder Spieler hat die Möglichkeit, durch die Veränderung seines Rhythmusmodells den Gesamtklang zu verändern und die Entwicklung der Musik in eine neue Richtung zu lenken. Statt eines dramatisch gestalteten formalen Ablaufs entsteht eine sich immer weiter fortsetzende epische Struktur, die sich über lange Zeiträume erstrecken kann. Zeit haben ist für Afrikaner kein Problem! In einer derartig strukturierten Musik ist es unmöglich, ein Stück zu notieren oder zu wiederholen. Es gibt folglich auch nicht die Rolle des Komponisten, die in Europa so wichtig ist. Die afrikanische Musik ist eng mit der Alltagskultur verbunden, sie steht immer in Beziehung zum Dorf und zu Ereignissen im Dorf. Feste, religiöse Rituale, Heilungsprozesse und gemeinsame Arbeiten sind mit Musik und bestimmten Musikstücken verbunden. (In Europa kennt man das noch aus der Kirchenmusik, in der ja auch zu Ereignissen im Jahreskreis die dazu passenden Lieder und Gesänge gehören.) Für die Bewertung von Musik ist es für Afrikaner zunächst einmal wichtig, daß die Musik in einer bestimmten Situation passend und gut gespielt ist. Neuartigkeit und Kreativität ist zwar nicht unbedingt verboten, wird aber auch nicht erwartet.

In der Jazzmusik verbanden sich Elemente beider Musikkulturen. Aus Europa wurden die Funktionsharmonik und der größte Teil des Instrumentariums entlehnt. Sehr bald benutzten viele Jazzmusiker auch die Technik, Kompositionen in Partiturform festzuhalten. Aus der afrikanischen Tradition stammt das Interesse am Rhythmus, das sehr stimmhafte Klangideal und die Bereitschaft, die Musik dem improvisatorischen Fluß zu überlassen. Wie in Europa verstehen sich Jazzmusiker als autonome Künstler, während sie aber gleichzeitig aufgrund der afrikanischen Tradition den Kontakt zum Publikum suchen, und ihre Musik oft auf den jeweiligen Auftrittsort abstimmen. Das erstaunliche ist, daß sich beide Quellen in der Jazzmusik zu einem harmonischen Ganzen verbunden haben, das seinen beiden "Eltern" nur bedingt ähnlich ist und wieder ganz eigenen Entwicklungsgesetzen folgt.

Das unterschiedliche Verhältnis von europäischen und afrikanischen Elementen hat die stilistische Entwicklung der Jazzmusik befruchtet und eine Vielzahl unterschiedlicher Stile entstehen lassen.Während sich Orchesterwerke wie “Miles Ahead” von Gil Evans ganz eng an die europäische Form eines Solokonzertes anlehnen, ist z.B. das Spätwerk von Miles Davis  wie in der afrikanischen Musik aus vielen sich überlagernden Schichten aufgebaut. Die Spannung zwischen den beiden gegensätzlichen Polen, aus denen der Jazz entstanden ist, macht die Dynamik dieser Musik aus und befähigt sie zu einer noch nicht absehbaren weiteren Entwicklung.

Natürlich kann man nicht wissen, wie Musik in fünfzig oder hundert Jahren klingen wird. Die oben beschriebene Begegnung der afrikanischen mit der europäischen Musikkultur halte ich aber für unumkehrbar. Es ist für mich undenkbar, dass die europäischen Musiker, vor allem die kreativen und talentierten unter ihnen, jemals wieder auf die Möglichkeiten verzichten werden, die sich ihnen mit der Improvisation, der Intensität des Rhythmus und der individuellen Tonbildung bieten. Bei aller Hochachtung vor den Meisterwerken der europäischen Klassik und vor manchen Bemühungen der Komponisten der “Neuen Musik” handelt es sich in meinen Augen dabei doch um Leistungen einer Geschichtsepoche, die in Wirklichkeit schon vergangen ist.


Matthias Petzold (April 2000)


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Afrika und Europa